Gemeinsamkeiten kann ich nur mit einem anderen Menschen haben, den ich respektiere und der mir nicht fremd bleiben will.


"Wer bin ich?"
  • 11.12.2017 01:12 - Ist die Erde wirklich rund? - Teil 2

SIEBEN

Sydney und der Weg dahin, 23 – 26. Februar

Nun fahren wir endlich genau in die richtige Richtung: Kurs 270 Grad – falls es unter den werten Lesern jemanden gibt, der weder von Geographie noch von Geometrie eine Ahnung hat: das ist genau West. Damit aber meine Freude hierüber nicht überbordet, nehme ich das erste mal auf dieser Reise Kontakt mit der Aussenwelt auf: ich logge ins Internet ein. 120 Minuten kosten 47 Dollar, das wird mir aber als Cunard World Club Gold Mitglied geschenkt. Na gut. Erst mal Virenschutz updaten. Mache zu Hause täglich, sonst wird es auch automatisch gemacht. Nach drei Wochen sind es aber mehr als zehn Mega und das dauert hier mehr als zehn Minuten. Als nächstes Bankkonto kontrollieren. Dauert auch ewig; nichts unerwartetes. Und dann E-Mail – du meine Güte! Da merkt man erst, mit wie viel belangloser Scheisse man sonst wertvolle Lebenszeit vergeudet! Vinoselektion sendet alle paar Tage einen tollen Sonderangebot. El Pais stellt ihre Wochenend-Beilage vor und was sie sonst gerne verkaufen möchte: Bücher, Sprachkurse... Jede Fluggesellschaft, mit der wir je geflogen sind, möchte uns dauernd irgendwo hinfliegen. Das Hotel in München, die Mietwagenfirma, die Lufthansa wollen wissen, wie es war, warum oder warum nicht. Und dann die lieben Freunde und Verwandten, die dauernd die gleichen tollen Bildern, von den schönsten Brücken dieser Welt bis zu kopulierenden Elefanten, zehnmal gelesene alte Witze und einen, unter anderen Umständen vielleicht ganz amüsanten, russischen Polizeibericht unbedingt schicken zu müssen glauben. Nach 61 von 139 zu empfangenden neuen Mails breche ich entnervt ab. Ich weiss nicht, ob ich die restlichen vielleicht 60 Gratisminuten noch in Anspruch nehmen werde...

Freitag, 24. – noch ein Seetag zum Kräfte sammeln. Morgens ein Tee, danach fünf Runden Walking. Tagsüber unterschiedliche Programme. Gestern war zum Beispiel wieder mal deutsche Mittagsrunde. Wir hatten diesmal Glück: wir sassen an einem Sechsertisch und fünf davon waren ehemalige Segler. So hatten wir ein Gesprächsthema, das einerseits alle interessiert hat, andererseits keine unterschiedliche Weltanschauungen hervortreten liess – dass der eine, ausgerechnet ein Schweizer, Windkraftwerke für Quatsch hielt, habe ich mit etwas Mühe „überhört“. Danach klassisches Klavierkonzert. Der Mann konnte zwar Klavier spielen, tat es aber dermassen emotionslos eintönig, dass wir den Saal verliessen, ehe wir schlafend vom Stuhl gefallen sind.

Abends war „formal“. Ich habe diesmal sogar zwei Krawatten dabei, trage sie abwechselnd; gestern war die hellere dran. An formalen Abenden taucht jeweils auch ein Fotograf auf. Therese hatte die Idee, unsere Tischrunde ablichten zu lassen; die zwei Kanadierinnen und das australische Ehepaar fanden die Idee gut, so habe ich gar nicht versucht, mein Veto einzulegen. Die Kanadierinnen haben wir richtig gern; die Australier wären auch in Ordnung, nur spricht Ron leise, schnell und ununterbrochen, womit wir nach wie vor überfordert sind.

Heute haben wir schon die australischen Einreiseformalitäten hinter uns bringen können. Ein paar Beamte kamen an Bord und sassen in einem nicht benutzten Teil eines Restaurants. Am ersten Tisch bekamen wir unsere Pässe wieder. Nach ganz kurzer Wartezeit mussten wir ein bereits am Vortrag ausgefülltes Formular abgeben, die Passbilder wurden mit den Gesichtern verglichen. Am letzten Tisch Pässe wieder abgeben – und das war es schon. Sehr wohltuend und bestens organisiert, im Gegensatz zu dem Affentheater, was die Amerikaner nicht erst unter Trump veranstalten.

Danach Englischstunde. Jetzt läuft Thereses Waschmaschine und ich schreibe.

Später entschliesse ich mich zu einem weiteren Versuch mit Internet – es wird wohl mein letzter gewesen sein; Details erspare ich euch und mir.

Sydney, 25. Februar
In Australien ist das Wetter trüb, es regnet fast ständig mehr oder weniger heftig und es wird auch tagsüber nie ganz hell – aber vielleicht sollte man nach erst acht Stunden auf einem neuen Kontinent noch keine allgemeingültige Schlüsse ziehen. Und wer meint, acht Stunden sind doch nichts, täuscht sich gewaltig: Wir haben schon eine Rundfahrt in dieser sehr schönen Stadt absolviert. Hielten an einem Aussichtspunkt namens Mrs. Macquerie’s Chair – was es mit diesem „Stuhl“ auf sich hat, habe ich zwar nicht verstanden, Erklärungen finde ich aber auch zu Hause, das Wesentliche ist das Erlebnis von gesehen zu haben und das ist nur vor Ort möglich, deshalb sind wir da. Nächster Halt: Bondi Beach, Australiens berühmtester Surf Strand. Es gibt tatsächlich ziemlich Brandung, wir sind wohl ausserhalb der riesigen Hafenbucht, die Captain Cook seinerzeit als die schönste, die er je gesehen habe, bezeichnet haben soll. Das Ufer ist dicht bebaut, mit Läden, Imbissbuden, Vortragssälen – und zum Glück auch Toiletten.

Wir fahren durch das ehemalige Arbeiterviertel, heute Künstlerparadies, Paddington zurück zu dem weltberühmten Opernhaus. Da hat unsere Tour auch angefangen, weil die Anlegestelle der Tender ganz in dessen Nähe ist. Heute liegen wir nämlich vor Anker. Die Queen Mary 2 liegt auch da, läuft aber am späteren Abend aus, wir werden in der Nacht an seinen Liegeplatz verholen.

Auf die Führung durch das Opernhaus müssen wir etwas warten. Wir nutzen die Zeit, um je einen Kaffee zu trinken – und zwar überraschend gute! Die Führung ist sehr interessant. Wir haben nicht gewusst, dass es nicht nur Oper ist, es sind eigentlich drei zusammenhängende Gebäude, im grössten ist ein Konzertsaal, sehr schön, mit sehr viel hellem Holz (white birch, wenn ich mich richtig erinnere) ausgebaut, mit einer ebenfalls sehr schönen Orgel. Bei Konzerten gibt es 2700 Sitzplätze, bei Opernaufführungen weniger, weil dann die Bühne grösser ist – wobei aber diese Angabe ohne Gewähr ist, während der Bauzeit wurde das Konzept mehrmals überarbeitet, was zuletzt galt, habe ich nicht genau verstanden. Auch im mittleren und kleinen Saal ist die Grösse der Bühne kontra Zuschauerplätze variabel. Verschiedene sehr schöne Foyers, mit grossen Aussichtsfenstern auf die Hafenbucht. Alles soll sehr flexibel, für die verschiedensten Kulturveranstaltungen genutzt werden können. Heute Abend wird Traviata gespielt, sagt die Führerin, Eintrittspreise 240 bis 300 australische Dollar, sofern überhaupt noch welche zu haben sind. 500 Euro für einen Opernabend sind aber für uns leider doch etwas zu viel.

Was auch noch erwähnenswert ist: Seit 2007 ist das Opernhaus von Sydney das jüngste Bauwerk auf der Liste der Weltkulturdenkmäler von Unesco – und das einzige, dessen Architekt, der dänische Utzon, diese Auszeichnung noch erlebt hat.

Nach einem kurzen Besuch im Souvenirladen – auch teuer – können wir ohne Wartezeit wieder auf den Tender. Es gibt relativ viel Wind, weshalb unser Captain beschlossen hat, statt die eigenen Tender die grösseren, zum Hafen gehörenden zu benutzen. Guter Entscheid: sie sind auch schneller und sehr viel bequemer. Unterwegs, wie auch nachher beim späten Mittagessen im Lido, stellen wir fest, dass die Australier sich von dem „bisschen“ Regen nicht beeindrucken lassen: es ist Wochenende, man hat Zeit, ein Boot und genug Wind – mehr braucht es nicht, es wird gesegelt auf Deubel komm raus.

Vor dem Nachtessen besuchen wir noch das Theater. Es spielen sechzehn junge, einheimische Musiker Tango, heiter und schwungvoll, wir geniessen es. Zu einigen Stücken tanzt auch ein Paar, sie sehr schlank mit sehr heller Haut, er erinnert eher an einen wohlgenährten Bär, tanzen kann er aber auch. Nachher bleibt uns noch Zeit für ein Apero und dann nehmen wir unser letztes Abendmahl mit der üblichen Tischrunde ein. Vor allem die zwei Kanadierinnen sind uns ziemlich ans Herz gewachsen – wir ihnen vielleicht auch, June sagt nämlich Therese, sollte sie oder sollten wir (you ist ja sowohl Ein- als auch Mehrzahl) nach Toronto kommen, werden wir immer ein Bett bei ihr haben. Nun hoffen wir, dass wir ab morgen ähnlich nette Tischgenossen bekommen, es sollen 1100 neue Gäste kommen (und eine entsprechende Anzahl natürlich von Bord gehen).

Sonntag früh liegen wir am Quai beim Overseas Passenger Terminal fest; das Verholmanöver mitten in der Nacht haben wir im Tiefschlaf verbracht. Es ist immer noch stark bewölkt bis bedeckt, aber trocken. Gelegentlich gehen wir an Land, in das ganz nahe liegende Stadtteil The Rocks. An diesem Ort soll Sydney entstanden sein, zunächst als Strafkolonie. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, obwohl nebst gefühlte eine Million Touristen sicher auch ein paar Taschendiebe unterwegs sind. Wir finden erst mal einen Supermarkt, wo wir, nebst ein paar anderen Kleinigkeiten, die vermutlich teuersten Papiertaschentücher unseres Lebens käuflich erwerben. An einem Laternenpfahl ist ein bunt gestrichenes, altes Fahrrad angekettet, am vorderen und hinteren Gepäckträger mit vielen frischen Blumen und einer Anzahl Pläne: The Rocks Map, A guide to getting lost (ein Führer um sich zu verlaufen), made by many hands. Ansonsten viele Marktstände, Imbissbuden, kleine Läden, Munich Brauhaus mit live Oom Pah Pah band. In einem Schaufenster sind viele Schmuckstücke mit zauberhaft schönen Opalen; auch ungefasste Steine. Was könnten die kosten? Fragen dürfte auch hier gratis sein. Dieser Anhänger da zum Beispiel? 18.000, sagt der freundliche Mann. Oh... Und der kleine Stein da? Der ist besonders schön, nicht wahr? 92.000. Wir bedanken uns und gehen lieber Kaffee trinken.


ACHT

„Lädele“ und Menschenmenge sind aber selbst in dieser schönen Stadt nicht mein Ding. Ich lasse Therese allein, in der Annahme, dass sie unsere kümmerlichen Reste an australischen Dollares auch ohne meine Hilfe in die örtliche Wirtschaft schleusen kann und gehe zurück aufs Schiff. Inzwischen scheint die Sonne hell und warm. An Deck 9 achtern finde ich einen schattigen Platz draussen und geniesse eine Weile die wirklich einmalige Lage: auf der einen Seite die Oper, auf der anderen die Harbour Bridge; auf dem Wasser reger Ausflugsverkehr. Wir sind wahrscheinlich auch eine der zahlreichen Attraktionen.

Etwas später erst recht – gegen 18 Uhr legen wir ab. Dazu muss natürlich eine Sailaway-Party stattfinden: auf Deck 9 achtern, im Poolbereich werden Champagner von Veuve Cliquot und Cocktails angeboten und eine Livebande macht durch ein paar Kilowatt verstärkten Krach. Das lockt viele an wie Scheisse Fliegen und das ist gut so, so gibt es nämlich genug freie Plätze, wo man das Wesentliche beobachten kann: das Ablegemanöver. Das ist für uns und einige andere Gäste Spektakel genug. Erst werden zwei und danach die anderen zwei Heckleinen an Land losgeworfen und eingeholt; das gleiche passiert sicher auch mit den Bugleinen, das sehen wir aber von da nicht, das Schiff ist ziemlich länger als ein Fussballfeld. Und dann rücken wir mit Hilfe der Bugstrahler und dem quergestellten Hauptantrieb langsam von der Pier ab, erst mal millimeterweise, dann etwas schneller. Ist ein Sicherheitsabstand erreicht, nehmen wir ganz langsam Fahrt auf, rückwärts. Gelegentlich gibt unsere Schiffssirene drei lange Töne von sich, ob als Abschied oder Warnung an die Ausflugsboote, sich nicht von uns zermalmen zu lassen, weiss ich nicht – gegen diese Töne hat selbst die Livebande keine Chance. Sobald der Bug ganz freikommt, drehen wir nach Backbord und nehmen Fahrt vorwärts auf. Das Opernhaus ist dabei die ganze Zeit ganz nahe, wir sehen es nach und nach von drei Seiten. Die Gebäude Sydneys bleiben langsam zurück, wir fahren an einem bewaldeten Kap vorbei, der pilot (Lotse) wird abgeholt – das ist auch immer interessant – und dann sind wir unterwegs.


Weiter entlang der Ostküste Australiens

Nun sind wir gespannt, wer an unserem Tisch neu auftaucht. Zuerst kommt ein altes australisches Ehepaar, Jim und...? Sie sind aus Melbourn, flogen in anderthalb Stunden nach Sydney; mit dem Auto wären es elf Stunden gewesen. Australien ist zwar der kleinste Kontinent, aber ein grosses Land. Mit einer halben Stunde Verspätung taucht dann ein jüngeres Paar auf. Er macht einen etwas ungehobelten Eindruck, aber nicht die Sorte „einfacher“ Arbeiter – die mag ich – sondern eher Neureich. Therese meint, abwarten – ich vertraue auf meinen ersten Eindruck. Sie glaubt, sie sind auch Australier, ich meine gehört zu haben, aus Manchester; sein Englisch verstehen wir aber beide nicht.

Auch unser wortkarger aber bewährter Kellner Mariano ist nicht mehr, er wurde zu anderen Tischen versetzt, sagen seine zwei jungen Gehilfen. Nun haben wir einen „Schnöri“ (Schwätzer) mit dem ur-philippinischen Namen Hermann – auch keine Verbesserung.

Nach dem Nachtessen bin ich noch ungewöhnlich munter. Therese folgt meinem Vorschlag: wir gehen ins Theater. Je zwei Frauen und Männer aus Sydney singen mich a cappella bettreif.

Montag, 27. Februar, Seetag. Bedeckt, da und dort sieht man Regen, Backbord, weiter weg, einige australische Gebirgszüge; hie und da hört man Donnergrollen. Es soll zwar nur 23 Grad warm sein, aber hohe Luftfeuchtigkeit und praktisch kein scheinbarer Wind, so komme ich beim Walken leicht ins Schwitzen – Entscheid: fünf Runden reichen nach wie vor.

Mein aktuelles Buch langweilt mich – ich stelle bald fest, dass ich es eh schon mal vor ein paar Jahren gelesen habe, wahrscheinlich spanisch. So gehe ich in die Bibliothek und hole zwei andere.

Die gute Nachricht ist: meine Erkältung ist weitgehend abgeklungen. Die schlechte: nun fängt Thereses an. Zum Nachtessen gehen wir nicht in Britannia, sie isst nur einen Teller Suppe – ich etwas mehr...

Am nächsten morgen um acht sind wir fest, knapp zehn Meilen vom Stadtzentrum von Brisbane. Warum so weit weg, erklärt unsere Führerin im Bus: Brisbane liegt am gleichnamigen Fluss, hat auch ein Kreuzfahrtterminal, nur ist unser Schiff entweder zu lang, um im Fluss wenden oder zu hoch, um unter der Brücke durchfahren zu können – oder beides. So liegen wir im eigentlichen Frachthafen. Nebst Container, wie überall, wird hier auch Schüttgut verladen: Getreide, Sand, Kohle. Letztere wird per Eisenbahn herangefahren und die Waggons sind leider offen, so hat sie immer Kohlenstaub in ihrem Haus, obwohl sie zwanzig Autominuten entfernt wohnt. Etwas anderes hatte sie auch schon im Haus: bis jetzt sechs Schlangen von der zweitgefährlichsten Art der Welt, deren Namen ich zwar nicht verstanden habe, aber hoffe, dass ich ihn mir auch nicht werde merken müssen...

Etwas anderes erklärt sie auch: Ich habe mich schon gefragt, wieso wir von Sydney nach hier die Uhren wieder um eine Stunde zurückstellen mussten; Brisbane liegt ja nicht westlicher. Nun, der Bundesstaat, wo Sydney liegt, hat auch den Unsinn von Sommerzeit, die in Queensland (Brisbane liegt da) sind aber nicht so blöd.

Seit die Brücke gebaut wurde, ist dieser Vorort sehr beliebt geworden. Ein kleines, einfaches Einfamilienhaus kostet hier nun nicht renoviert sieben bis achthunderttausend, renoviert bis zu einer Million. Neuerdings wollen aber Viele näher am Stadtzentrum wohnen; eine Wohnung dort kostet aber auch um die 750 tausend; welche Grösse, sagt sie nicht. Eine arme Stadt scheint es nicht gerade zu sein: auf dem Weg ins Zentrum fahren wir an Vertretungen von Porsche, Jaguar, Ferrari, Maserati, AMG vorbei – VW, Ford, Subaru, Mazda, Honda haben sich aber auch dazwischengefrecht.

Im Zentrum stehen viele bis zu 200 m hohe, moderne Gebäude, dazwischen aber auch schöne, ältere. All zu alt können auch die nicht sein: vor nur dreihundert Jahren war hier noch gar nichts – ausser Landschaft natürlich. Das höchste Gebäude gehört hier ausnahmsweise nicht einer Bank, sondern der Verwaltung; ob von Stadt oder Staat, weiss ich nicht.

Auf einer Anhöhe halten wir für etwas mehr als eine Stunde. Ich trinke einen Kaffee mit einem Stück Apfelkuchen dazu, Therese will nur Wasser. Ihre Erkältung macht ihr zu schaffen, sie ist vor allem müde. Im Souvenirshop reizt sie nichts, will auch keine Karten kaufen, sogar das fotografieren überlässt sie mir. Sie tut mir sehr leid, kann es nachfühlen; ich habe dies – hoffe ich – hinter mir. Die Landschaft ist ziemlich grün, bewaldet, auch im Stadtzentrum gibt es kleine Parks, viele Blüten und Bäume.

Mittwoch, 1. März – ohne elektronische Hilfsmittel wüsste ich weder Wochentag, noch Datum. Dieses Phänomen kenne ich von unserer Seezigeunerzeit gut. Windrichtung und Stärke, Standort, Kurs und Geschwindigkeit, Entfernung zum nächsten Waypoint – das waren die wichtigen Daten, Uhr und Kalender unwichtig – und die Nachrichten aus der grossen, weiten Welt völlig belanglos. Hier ist es ähnlich, obwohl ich natürlich mit Schiffsführung und Navigation nichts zu tun habe, aber diese Daten interessieren mich trotzdem viel mehr, als die neuesten klugen oder blöden Sprüche von Merkel, Trump, Putin, Schweinsteiger oder Madonna.

Thereses Erkältung ist nun in vollem Gang, da muss die Arme nun leider auch durch. Gestern assen wir trotzdem im Britannia zur Nacht, das Lido ist uns recht für Frühstück und Zwischenverpflegung, aber am Abend sollte es doch etwas besser, gepflegter sein. Man fand für uns vorübergehend wieder einen Zweiertisch, wie schon während meinen „Tagen“ – wir wollen weder unsere Tischgenossen anstecken, noch haben wir Lust auf englische Unterhaltungsversuche.

Nach dem Nachtessen ging ich kurz auf Deck 3 hinaus. Wir waren noch in Landnähe, man sah viele Lichter. Die Nacht war total mild, kaum Wind, wir hatten auch noch nicht die volle Reisegeschwindigkeit, so glitten wir leise dahin. Einmalig schön!

Wir gehen neuerdings ungewöhnlich früh schlafen. Es gibt zwar gutes Licht zum lesen im Bett, aber nach dem Prinzip alles oder nichts. Um Therese also nicht all zu lange zu stören, schalte ich es bei meinen ersten Ermüdungserscheinungen aus. Entsprechend früh werde ich also auch wach. Ich gebe die ausgefüllte Ausreiseformulare ab – die Australier brauchen das, wozu, wissen sie vielleicht selbst selber nicht mehr – fahre hoch ins Lido, trinke einen Tee mit einem kleinen Croissant, der hier sogar Thereses hohen Ansprüchen genügt, fahre wieder runter auf Deck 3 und fange mit meinen Walking-Runden an, obwohl es erst 07:40 Uhr ist. Eigentlich sollte man nicht vor acht, weil darunter auf Deck 2 zum Teil Kabinen sind. Es sind aber schon einige Menschen unterwegs, wenn auch ohne Stöcke. Jüngere und junggebliebene zum Teil im recht forschen Tempo, andere sich mühsam trippelnd hinschleppend; die haben meine Hochachtung – im Gegensatz zu den zahlreichen Fettkolossen, denen es auch besser täte als die fünf Scheiben Toast mit viel Speck, Eier und Würstchen, mit denen sie ihr Tagewerk zu beginnen pflegen.

Trotz der frühen Stunde ist es bereits schwülwarm. Wir fahren ja seit Tagen nach Norden, was hier auf der Südhalbkugel das gleiche ist, wie bei uns drüben der Süden. Auf Steuerbord brennt auch schon die Sonne, obwohl es stellenweise heftig „regnet“: früh am Morgen werden nämlich die Rettungsboote, die hier über uns hängen, abgespritzt, weshalb und wozu, weiss ich nicht. Dabei stelle ich fest, dass die Organisation selbst bei Cunard nicht in allen Punkten perfekt ist: Die Deckstewards gehören zu einer anderen Abteilung als das Wartungspersonal. So passiert es, dass erstere schon die Polster aus den grossen Kisten geholt und auf die Liegen verteilt haben, ehe letztere diese Abspritzaktion durchführen. Resultat: zum Teil triefend nasse Polster. Der gemeinsame Chef vom technischen und Hotelpersonal ist kein geringerer als der Captain – und wer würde sich schon getrauen, bei dem wegen nassen Polstern zu reklamieren?


NEUN

Therese geht es heute gar nicht gut, sie will nicht einmal zu Abend essen. So stürze ich mich halt allein in Schale – heute ist formal – und gehe ins Britannia. Unser alternativer Zweiertisch, quasi die Krankenstation, ist zu haben. Alle Kellner vermissen sie, die zwei Schweizer Männer wünschen ihr gute Besserung.

Donnerstag geht es ihr etwas besser. Nach dem Morgentee walke ich vier und halb Runden; es ist bereits zu warm für mehr – oder ich bin zu faul. Ich gehe lieber ins Commodore Club zum Lesen und die Aussicht geniessen: Himmel, Wasser, an Backbord hinter etwas Dunst Berge, hie und da ein Frachtschiff. Wir fahren Richtung Nordwest zwischen der Küste Queenslands und dem Great Barrier Riff. Etwas später finde ich Therese, sie liest nun auf einem Liegestuhl auf Deck 3. Als mein Buch fertig ist, gehe ich in die Bibliothek für die übliche Qual der Wahl. Eine Dame spricht mich an, fragt, ob ich dieses Buch genossen habe – did you enjoy it? deutsch würde man eher fragen, ob es mir gefallen hat – und als ich mit yes antworte, empfiehlt sie mir ein anderes vom gleichen Autor.

Freitag werde ich um vier Uhr wach. Der Versuch, „das ist doch eine verdammte Scheisse! Ihr könnt mich mal! Jetzt macht ihr aber gefälligst, dass...“ englisch und doch etwas zivilisierter zu formulieren, lässt mich eine Stunde nicht wieder einschlafen. Gestern abend nämlich, als ich unsere Tour Tickets bereitlegen wollte, stellte ich fest, dass ich sie gar nicht habe. Gemäss der Liste hätten wir die nächste Ladung am 28. Februar bekommen sollen – haben wir aber nicht und ich habe es versäumt, das zu kontrollieren. Es hat bis jetzt ja immer geklappt. Muss ich mich denn um alles selber kümmern? Geht nächstens auch noch der Brennstoff aus, oder vergessen sie, den Liegeplatz zu reservieren? Solche lächerliche Gedanken hat man natürlich nur unausgeschlafen in finsterer Nacht...

Die Tour Office ist heute erst von 17 bis 19 Uhr offen. Ich gehe also zum Purser’s Desk. So früh ist erst eine einzige Person da, eine Japanerin. Ihr Englisch ist etwas gewöhnungsbedürftig. Sie wiederholt es aber geduldig: ich soll... ich gehe... ja, kein Problem... sie stellt mir ein handgeschriebenes Ticket aus, diese müssen wir dann... Na also! Es ging dann auch ohne verdammte Scheisse auf englisch – oder japanisch...

Die Tour selber beginnt heute erst um 13 Uhr, wir müssen uns aber diesmal an Land sammeln. Also holen wir Tendertickets und warten, bis unsere Nummer aufgerufen wird. Am gleichen Tisch wartet ein jüngeres, japanisches Paar. Auf Teneriffa waren sie auch schon, es ist sehr schön da. Was soll ich darauf antworten? Dass Japan auch sehr schön ist? Das kann man doch nicht vergleichen! Small talk ist in keiner Sprache meine Stärke.

Unsere heutige Tour ist nicht eine der Höhepunkte dieser Reise, aber auch schön. Die Stadt selber – Cairns – bietet zwar nicht viel, aber der botanische Garten ist fantastisch. Dass der grosse Teil Australiens Wüste ist, weiss man, mir war aber nicht bekannt, dass sie auch tropische Regenwälder haben. Und alle Pflanzen sind sehr kräftig und machen einen absolut gesunden Eindruck. Ja, klar, sage ich, hier überleben nur die stärksten. Aber haben die denn keine Probleme mit Insekten, wie wir? fragt Therese. Das liegt sicher daran, dass die hier alles einheimische Pflanzen sind, die sich in Jahrmillionen durchgesetzt haben, während bei uns... Klingt doch logisch, bin ich nicht ein kluges Kerlchen? Nur stimmt es leider nicht. Diese da kommt aus Jamaika, jene aus Madagaskar... Ach, ist doch egal, bin ich denn Dschungelbotaniker? Schön und sehr beeindruckend sind sie – das reicht doch, oder?

Die Strandpromenade ist auch schön. Rechts Sandstrand, links kleine Hotels und Pensionen, Läden, Cafés; viele Bäume. Solches gibt es aber an unzähligen Orten. Was es nicht überall gibt, ist ein Warnschild: Achtung, an diesem Strand kann es Krokodile geben.

Entlang des Weges gibt es viele Zuckerrohrplantagen. Das sei die zweitwichtigste Einnahmequelle hier, sagt unser Führer. „Die wichtigste seid ihr“, fügt er hinzu, „Tourismus.“ Er redet ununterbrochen – sehr ermüdend, weniger wäre mehr. Ohne ihn hätten wir allerdings wahrscheinlich die Wallabys übersehen, auf einer Grasfläche. Es gab Hunderte; das sind kleine Kengurus. Und in der Stadt hingen an mehreren Bäumen unzählige grosse Fledermäuse oder waren das Flughunde?

Samstag vormittag gibt es einen Vortrag über eines unseren nächsten Zielen: Okinawa. Das Erfreuliche ist, mal davon abgesehen, dass es schön und interessant zu werden verspricht: der Typ spricht ein gut verständliches Englisch. Mangelnde Sprachkenntnisse sind eine Sache, dafür kann Cunard nichts. Was man aber eigentlich erwarten dürfte, wäre, dass zumindest jene, die Vorträge halten oder öffentliche Durchsagen machen, es in einem sauberen Standardenglisch machen und nicht im australischen, schottischen oder weissnichtwasfür Dialekt.

Der ehemalige Concorde-Pilot am Nachmittag kann es auch. Er hält einen Vortrag über den Absturz einer Concorde beim Start in Paris im Jahr 2000. Medienberichten zufolge war die Ursache ein geplatzter Reifen, wegen eines auf der Piste liegenden Metallstückes, was einen Treibstofftank leckgeschlagen hat. Einfache Erklärung und Schuldzuweisung, wie es die Medien und ihre Kunden lieben – nur ist die Wirklichkeit, wie meistens, sehr viel komplizierter und sehr viel weniger eindeutig. Ich freue mich schon auf die nächsten Vorträge dieser zwei Menschen.


Alotau, Papua-Neuguinea, Sonntag, 5.März

Die Hautfarbe der Menschen hier ist die schönste, die wir je gesehen haben: schokoladenbraun, vielleicht mit einem leichten Schimmer von rotgold. Die Brustknospen der Frauen dunkelbraun; die Busenformen der jungen auch perfekt, Grösse passend zu den meist kleinen, zierlichen Gestalten, zugekaufte Silikonteile sind hier offenbar noch nicht im Angebot. Die Grossmütter haben allerdings nur noch herunterhängende, leere Hauttaschen; Altern scheint hier keine Schande zu sein, sondern ein natürlicher, akzeptabler Vorgang. Zu welchem hier allerdings dick werden nicht zu gehören scheint – ganz im Gegensatz zu anderen, bereits besuchten Ländern.

Diesmal müssen wir ungewöhnlich lange im Queens Room warten, bis unsere Gruppe aufgerufen wird. An Land wird es schnell klar, wieso: statt einer ganzen Flotte grosser Reisecars, wie sonst anderswo, ist hier ein einziger grosser und zwei kleine Busse im Betrieb. Möglicherweise noch nach dem Zweiten Weltkrieg hiergelassen, entweder von der australischen oder von der japanischen Armee, die sich hier heftige Kämpfe geboten haben.


ZEHN

Zu unseren Ehren wird ein Mini-Kulturfestival veranstaltet. Es gibt kein festes Programm. Es treten viele Tanz- und Gesanggruppen auf, auf zwei Bühnen, eine im Freien, zum Glück der grösste Teil unter Bäumen und eine in einem grossen Gebäude, was mit Museum angeschrieben ist, aber sonst keine Ausstellungsstücke enthält. Die Tanzschritte sind relativ einfach, die Grossmütter beherrschen sie einwandfrei, ihre Enkel noch nicht ganz – das jüngste Mädchen schätzt Therese auf drei. Die Männer benehmen sich dabei zum Teil aggressiv-kämpferisch, das gehört wohl dazu. Als traditionelle Musikinstrumente scheint es nur spezielle Trommeln zu geben, die Gitarren dürften erst später hinzugekommen sein.

Auf dem Wasser wird derweil Kanu gefahren. Wer beweglich genug ist, um sie besteigen zu können ohne ins Wasser zu fallen, darf für zehn Dollar eine kurze Runde mitfahren.

Viele verkaufen örtliches Kunsthandwerk, vor allem Holzschnitzereien, zum Teil sehr schön. Therese kauft nur einen kleinen Delphin aus schwarzem Holz. Was es kostet, fragt sie. Fünf Dollar, sagt der Mann. Sie habe aber keine australische Dollar. Aha, Amerika? Dann halt zwei... nein, sagen wir drei. Internationaler Devisenhandel scheint hier noch nicht zum Allgemeinwissen zu gehören: 5 AUD sind 3,85 USD.

Was auffällt: die Menschen sind so was von freundlich, um nicht zu sagen herzlich! Wenn du jemanden anlächelst, wird sofort zurückgelächelt und nicht dieses antrainierte Politiker- und Geschäftsgrinsen, sondern echt. Ich frage mich die ganze Zeit, wie sie wohl unseren Besuch hier empfinden. Ist es eine lästige Pflichtübung, allenfalls gepaart mit der Aussicht auf ein paar Dollares? Wir spüren nicht die geringsten Anzeichen von Neid, Ablehnung, gar Hass, im Gegensatz zum Beispiel zu vielen Karibikinseln – aber Fremdenangst oder gar -Hass ist in Europa auch nicht ganz unbekannt...

Aber empfinden sie Freude, Stolz, dass ein Schiff wir die Queen Elizabeth sie besucht? Ist es ein freudiges Ereignis, oder doch eher lästig? Ich kann das unmöglich einschätzen, die Kulturen sind viel zu unterschiedlich. Es ist schon schwierig genug, wenn man aus Ungarn in die Schweiz kommt oder von da nach Spanien...

Die Queen Elizabeth ist übrigens das erste mal hier. Das nennt sich Maiden Call, es gibt gegenseitig kurze Reden und es werden Geschenke ausgetauscht. Das erfahren wir aber nur durch eine Durchsage des Captains. Vor dem Eingang des Commodore Club sind links und rechts an den Wänden die Gedenktafel von allen Häfen, die das Schiff mal angelaufen hat, angebracht; manche einfach im Stile von „In diesem Hause hat von 1936 bis 1956 Thomas Illés gelebt“, die meisten aber wahre Kunstwerke.

Nebst den drei Bussen gibt es auch noch ein paar neuere Autos, zum Beispiel einige der weltweit allgegenwärtigen Toyota Landcruiser; ich sehe sogar einen Taxi. Das soll zwar heute selbst im ärmsten Land keine Überraschung sein – nur ist die Stadt (wenn man sie als Stadt bezeichnen darf) Alotau mit keiner anderen Ortschaft durch Strassen verbunden, ist nur auf dem Seeweg erreichbar. Oder zu Fuss, über mehrere tausend Meter hohe Berge, mit tiefen, steilen Schluchten dazwischen – und alles Dschungel. Diese Insel ist übrigens die zweitgrösste der Welt nach Grönland, der Staat Papua-Neuguinea nimmt nur die östliche Hälfte ein, die westliche Hälfte gehört zu Indonesien. Durch die Topographie bedingt, leben unzählige Stämme völlig isoliert, teils noch in Steinzeit; es werden 800 verschieden Sprachen gesprochen! Ob es irgendwo noch Kopfjäger und Kannibalen gibt, weiss ich nicht – hier trafen wir keine, resp. es hat sich niemand als solcher geoutet.

Weiter nach Japan, 6-10. März

Fünf Seetage. Montag früh Hafenpräsentation von Kobe. Für da habe ich eine unserer längsten Ausflüge gebucht – die Liste des unbedingt Sehenswerten würde aber für mindestens eine Woche reichen. Einmal mehr müssen wir uns an die mathematische Wahrheit erinnern, dass etwas unendlich mal mehr ist als gar nichts.

Kurz nach zwölf ein weiterer Vortrag des ehemaligen Concorde-Piloten. Er war auch Militärpilot und flog die Harriet, einen Kampfjet, der auch senkrecht starten und landen konnte, was nicht ganz ohne Tücken war. Was er über Technik erzählt hat, verstand ich gut und fand es interessant – aber immer, wenn die englischsprachige Mehrheit im Publikum laut gelacht hat, musste ich passen.

Ansonsten pflegen wir einmal mehr unsere wiederbelebte Erkältungen – lästig!

Am zweiten Seetag – was haben wir heute, Dienstag? – etwa um 18 Uhr überqueren wir einmal mehr den Äquator. Neptun hat wohl keine Lust auf eine weitere Taufzeremonie: er schickt Schauer, die Feier wird abgesagt. Dafür gibt es eine weitere Einladung zum deutschsprachigen Mittagessen. Therese will hin, also gebe ich brav und gehorsam die Anmeldung ab. Ich schulde ihr ja Dankbarkeit, weil sie unter widrigen Umständen auch meinen blauen T-Shirt gewaschen hat, den ich selber zwar ohne weiteres bis Japan weitergetragen hätte, wenn ihre Röntgenaugen nicht irgendwo einen, zwar für harmlose Männeraugen unsichtbaren, aber nichtsdestotrotz fürchterlichen Fleck geortet hätten.

Hat, seis, six – persönlicher Rekord! Ich zähle meine Runden beim Walken in drei Sprachen, seit ich ein-zweimal nicht mehr gewusst habe, wie weit ich bin. Steuerbord und Backbord sehen ja identisch aus, rechts das Meer, links die Stahlwand mit mehr oder weniger Fenstern, grossen Lüftungsgittern, über meinem Kopf die Böden der Rettungsboote, viel Technik, an den breiteren Stellen die zahlreichen Liegestühle. Habe ich aber heute diesen sehr beeindruckenden waagrechten Wasserfall am Heck erst zwei- oder schon dreimal gesehen? Die zwei riesigen Propeller, die unsere viele tausend Tonnen mit zwanzig Knoten vorwärtsbringen, müssen dafür gewaltige Wassermengen nach hinten pumpen. Die Rundstrecke führt direkt darüber hinweg, nur durch eine hohe Reling gesichert – muss für Selbstmordkandidaten unwiderstehlich sein; zum Glück gibt es nicht viele davon an Bord, sonst wären solche Stellen vergittert oder verglast. Es reichen aber schon weniger düstere Gedanken, um mit der Zählung der Runden durcheinander zu geraten.

Es waren heute fast ideale Verhältnisse: Da es in der Nacht und am frühen Morgen geregnet hat, haben sich erst wenige Menschen hinausgewagt, auf den Liegestühlen gab es ja auch noch keine Polster. Temperatur „nur“ 25 Grad, nur wenig Wind. Die ständig anwesenden Rostklopfer und Anstreicher sowie der eine Fensterputzer liessen sich gut umgehen.

Jetzt muss ich aber schnell was trinken gehen – ein bisschen geschwitzt habe ich ja – und danach ins Theater: Hafenpräsentation Busan. Der Mensch, der diese Vorträge neuerdings hält, spricht ein gut verständliches Englisch.

Aber zurück zu meinem Rekord: Gegen Frauenpower habe ich natürlich keine Chance. Die Damen in Pink machen heute, anlässlich des Frauentages, zehn Runden, entsprechend fünf Kilometer. Sie sind mehr oder weniger rosa gekleidet, an den meisten hängen irgendwo auch ein paar rosa Luftballons. Ausser an einem der mitlaufenden Männern, er trägt zwei unter seinem T-Shirt, was jede Silikonträgerin vor Neid erblassen lassen muss. Ich versuche zu fotografieren, hoffe, Therese auch zu erwischen. Ihre sonst eher lächerliche rosa Pyjama mit dem depperten Hundeportrait auf der Brust kommt endlich richtig zur Geltung. Sie muss geradezu prophetische Gaben gehabt haben, als sie das komische Stück erworben hat.

Was mich von jenen Schreibern unterscheidet, die es wirklich können, ist unter Anderen, dass ihre Geschichten den Leser immer mehr in ihren Bann ziehen. Daniel Silva, den ich erst hier, zufällig, entdeckt habe, kann das auch. Den Nachmittag verbringe ich also mit seinem vorläufig letzten Buch. Es gelingt mir, noch rechtzeitig fertig zu werden, um ein neues suchen zu gehen. Es ist 18:15 Uhr, die Bibliothek schliesst um 19:00...

... dachte ich. Ist aber schon geschlossen. Genauer gesagt, nur die Bücherschränke sind geschlossen und es ist keine Bibliothekarin anwesend. Was natürlich aufs gleiche rauskommt. Also zurück in die Kabine, um das Tagesprogramm zu konsultieren. Gestern war sie von 9 bis 19 Uhr offen. Heute von 9 bis 18. Und morgen? Das weiss man erst morgen. Nicht nur anderswo ist alles anders, überall ist alles anders, jeden Tag.

Donnerstag vormittag haben wir gleich zwei Vorträge. Zuerst Hafenpräsentation Hiroshima. Da stellt Therese fest, dass ich den falschen Landausflug gebucht habe. Ja, klar! Der für 170 Dollar fände ich auch schöner, statt für 70. Bei über dreissig Landausflügen jeweils die schönste zu nehmen, für „nur“ einen Hunderten mehr pro Person, das würde... Ja, aber... jene, die sie lieber machen würde, kostet nur vier Dollar mehr. Ich schlage vor, sie soll ihren umbuchen, ich meinen aber nicht. Geht doch!

Der nachfolgender Vortrag hat keine so tiefgreifende Auswirkungen auf unser Ehefrieden: einmal mehr virtueller Besuch auf der Brücke. Captain Aseem Hashmi – vielleicht kann ich mir den Namen noch vor Teneriffa merken – fragt einleitend, ob jemand schon das letzte mal dabei gewesen ist. Einige heben die Hand. „Gut, es sind nicht viele, dann kann ich die gleichen Witze bringen.“ Das technisch-nautische verstehe ich nach wie vor, die Witze leider nach wie vor nicht, bis auf die rote uns grüne Socken.

Die nächsten zwei Programmpunkte finden im Britannia Restaurant statt. Zuerst deutschsprachiges Mittagessen. Wir haben Glück mit unserer Tischrunde. Eine Frau sagt, dies sei ihre 47-ste Kreuzfahrt. Ihre liebste Reederei sei die Holland-America-Line. Der Mann neben mir ist ursprünglich Hamburger, lebt aber seit 57 Jahren nicht mehr da. Eine Zeit lang lebte er in Südafrika, nun seit 22 Jahren in Australien. Alle sind sich einig, dass die Australier und erst recht die Neuseeländer sehr freundliche, hilfsbereite Menschen sind, es sei oder wäre schön, da zu leben – wenn es nur nicht so arg abgelegen wäre. Will man doch mal Old Europe oder Amerika besuchen, sind das immer mindestens zwanzigstündige Flüge. Vom Preisniveau wird kein Wort verloren – von Geld spricht man nicht, das hat man. Für uns wäre das durchaus ein weiterer, wichtiger Punkt.

Kaum ist die Mittagsrunde aufgehoben, „müssen“ wir wieder in das Britannia: wir sind zu einer Weindegustation eingeladen. Es werden vier argentinische Weine vorgestellt, zwei weisse und zwei rote. Es wird natürlich viel von roten Beeren, Zitrusfrüchten, Mango und Vanille geredet wie immer – wir trinken gerne Wein und können durchaus gute von weniger guten unterscheiden, aber diesen Rotebeerenmangovanillequatsch haben bis jetzt weder wir, noch jemand aus unserem ähnlich gestrickten Freundeskreis herausgespürt. Wir erfahren aber auch interessanteres. Zum Beispiel, dass diese Weine auf den höchstgelegenen Weingütern der Welt produziert werden: weisse bis auf 1500, rote sogar bis 3000 Meter. Ausserdem, dass diese Gebiete fernab jeglicher Industrie, Autobahnen, Grossstädten und ähnlichen Luftverpestern liegen. Einer unserer vorläufigen Lieblinsweinen ist übrigens auch dabei: Malbec von Aruma. Wir werden ihn in Zukunft vielleicht bewusster geniessen.


ELF

Das Wetter, die See sind inzwischen rauher geworden. Von draussen kommen mehr oder weniger ständige, nicht überhörbare Klopfgeräusche. Sie wollten zwar heute die Kabinenfenster putzen, aber doch nicht bei diesem Wetter? Es ist auch kein Mensch draussen. Nach einigem Hin und Her geht Therese zum Purser’s Desk. Sie schicken jemanden. Eine Dame mit goldenen Streifen kommt. Sie schaut das Rettungsboot vor unserem Fenster an. Das sei in Ordnung so, es bewegt sich natürlich ein bisschen, das müsse aber so sein, wenn es nicht elastisch wäre, würde es brechen. Soviel Reste habe ich noch von meinem Ingenierwissen. Zum Beispiel Flugzeugflügel. Die wackeln auch bei Böen, was jene Minderheit der Menschen, die Augen im Kopf hat, manchmal ängstigt – ja, dass muss so sein, das wirkt wie Federung. Klopfgeräusche gehören zwar definitiv nicht dazu...

Nach dem Nachtessen herrscht wieder relative Ruhe. Hat der Seegang abgenommen? Günstigeres Wellenbild? Am nächsten Morgen glauben wir beide, an einer bestimmten Stelle der Aufhängung des Tenders einen Holzklotz zu sehen, der gestern nicht da war. Tja, „ach du Scheisse, gut, dass sie es gemerkt haben“ liegt wohl nicht drin. Passagiere müssen wie kleine Kinder behandelt werden: „Es ist alles in Ordnung, Kleines, schlaf jetzt“ – und dann bringt man es, unbemerkt, in Ordnung.


Japan

Samstag, 11. März, Naha (315.000 Einwohner), Hauptstadt der Insel und Präfektur Okinawa.

Okinawa und die umliegenden 55 Inseln gehören erst seit 1879 zu Japan, vorher waren sie, 450 Jahre lang, das Königreich Ryukyu. Kultur und Sprache unterscheiden sich auch vom Japanischen, wovon wir allerdings nichts merken.

Im Kreuzfahrtterminal bekommen wir unsere Pässe zurück und absolvieren zügig die Einreiseformalitäten; selbst Thereses Fingerabdrücke werden problemlos registriert; wir dürften drei Monate in Japan bleiben. Was wir natürlich nicht vorhaben – hoffen, dass der Regen schon vorher aufhört; heute allerdings noch nicht.

Wir fahren mit dem Bus zum originalgetreu wiederaufgebauten Schloss Shuri, ehemals Sitz der Ryukyu-Könige. Es geht vom bedecktem Busparkplatz zuerst über Rolltreppen, dann über normale Treppen hoch, durch mehrere Tore, die alle ihre Bedeutung haben, die unsere Führerin jeweils ausführlich erklärt. Sie werden meistens von zwei Löwen – aus Stein, keine lebendigen – bewacht. Der eine hat seinen Maul offen, heisst somit die Besucher willkommen, während der andere mit geschlossenem Maul das Glück zu behalten trachtet. Die Chinesen hatten hier lange Zeit auch grossen Einfluss, von ihnen stammen die Drachen. Sie haben jeweils vier Krallen. Jene in China sind höherrangig und haben fünf Krallen, während jene im übrigen Japan aber nur noch drei haben.

Im eigentlichen Schloss müssen die Schuhe ausgezogen werden. Private Räume, selbst bessere Restaurants und traditionelle Hotels, werden in Japan, wie auch in Korea, nie mit Strassenschuhen betreten. Das hält schon mal viel Schmutz und Nässe draussen. Ausserdem besteht in Wohnräumen der Bodenbelag häufig aus Tatami, weich unterfütterten Reisstrohmatten, die durch Schuhe Schaden nehmen würden. Therese ist sehr beeindruckt von der Innenarchitektur. Vereinfacht gesagt besteht sie aus nichts, das aber in höchster Qualität. Sehr viel schönes, schön verarbeitetes Holz, statt Fenster lichtdurchlässiges Reispapier. Dass man beim Essen oder auch Tee trinken auf dem Boden, vielleicht auf einem Kissen sitzt, war für meine steifen, europäischen Gliedmassen allerdings schon vor 37 Jahren nicht ganz problemlos. Nur der König hatte einen vergoldeten Stuhl, den wir bewundern dürfen; er kostet so viel, wie zwei der teuersten Toyotas, sagt unsere Führerin mehrmals.

Wieder im Stadtzentrum, führt sie uns durch etwa die Hälfte der wichtigsten Einkaufsstrasse, Kokusai-dori und da in eine grosse, traditionelle Markthalle. An einem Stand dürfen wir leicht säuerlich eingelegte Meeresalgen probieren – sehr lecker! Wie lecker die unzähligen anderen Sachen schmecken, die an mehreren Ständen angeboten werden, können wir leider nur ahnen – und auch, woraus sie bestehen. Woraus das berühmte, wunderbar marmorierte Fleisch besteht, ist natürlich klar: aus Kobe-Rindern. Weniger klar ist, wer die bezahlen kann: gar nicht so riesige Steaks werden von fünf bis achttausend Yen angeboten, also etwas weniger als 50 bis 80 Euro. Für einen Koberind-diner müsse man etwa 300 Dollar rechnen, sagt die Führerin – pro Person, fügt sie hinzu.

Das Angebot auf dem Fischmarkt allein rechtfertigt schon diesen Ausflug. Riesige Muscheln mit schneeweissem Fleisch, verschiedene, zum Teil auch ungewöhnlich grosse Krustentiere, unbekannte, auch blaue Fische. Leider haben wir keine eigene Küche...

Mitnehmen können wir aus einem anderen Laden ein Löwenpaar, der eine mit offenem, der andere mit geschlossenem Mund, wie es sich gehört. Sie wiegen sehr viel mehr, als Rindfleisch für den gleichen Preis, ich bin froh, als ich sie endlich im Bus ablegen darf.

Zurück auf dem Schiff essen wir eine schnöde Erbsensuppe.

Am nächsten Tag, Sonntag, sind die Verhältnisse so, wie wir sie gestern gewünscht hätten: leicht bewölkt, 18 Grad. Fühlt sich zwar kühler an, wohl wegen 16 Knoten Ostwind plus Fahrtwind, ab der zweiten Walking-Runde ist es aber warm genug – ideal. Ich mache trotzdem nur fünf Runden. Bis zu dem Vortrag um elf lese ich im Commodore Club. Der Concorde-Harriet-Pilot spricht über Aussichten auf zukünftige Überschallflüge. Das grösste Problem, weshalb die Concorde schliesslich aus dem Verkehr genommen wurde, war weder die Sicherheit noch die Rentabilität, sondern der Lärm. Der Start war extrem laut, dazu kam auch noch der Überschallknall. Verschiedene Firmen arbeiten seit vielen Jahren daran. Wahrscheinlich wird es in absehbarer Zeit kleinere Überschall-Passagierjets geben für zahlungskräftige Reisende, die es sehr eilig haben – bzw. Firmenjets für die noch zahlungskräftigere. Was es wahrscheinlich nie geben wird: kommerzielle Flüge auf Erdumlaufbahn. Technisch wäre es zwar möglich, aber nur bei extremen körperlichen Belastungen für die Reisenden – es gibt nicht genug Multimillionäre oder Spitzenmanager resp. -Politiker mit dem Zeug zum Astronauten.
Wir setzen unsere Reise im niedrigen Unterschallbereich fort. Morgen ganz früh werden wir in Kobe anlegen. Dort den richtigen Landausflug zu buchen dürfte sehr schwierig sein, sagte unsere gestrige Führerin: es gibt mindestens zehn Ziele, die zu den absoluten Muss einer Japanreise zählen. Ich bin gespannt!

Kobe, 13. März
Die interessantesten „Muss“ liegen alle etwas weiter weg; es gibt erst mal eine längere Busreise, meistens sogar ziemlich schnell über Stadtautobahnen. Die Strassen sind meistens hochgesetzt auf massiven Betonpfeilern, bei grösseren Kreuzungen bis zu vier Ebenen übereinander. Links und rechts moderne Hochhäuser, auf den ersten Blick könnten wir in jeder Grossstadt eines hochentwickelten Landes sein. Nur selten fällt der Blick auf ein traditionelles Dach. Gosse Firmen- und Reklametafel sind natürlich auch, manchmal sogar nur, mit exotischen Zeichen beschriftet – und es herrscht Linksverkehr.

Die Millionenstädte Kobe, Osaka, Kyoto sind zusammengebaut. Unser erster Ziel, Nara, hat auch 300.000 Einwohner und da wird es dann doch etwas ländlicher: bewaldete Hügel. Wir besuchen den Todaiji Tempel in Nara. Es ist das grösste Holzgebäude der Welt. Ursprünglich vor mehr als tausend Jahren erbaut, wurde es mehrmals Opfer von Brand und/oder Erdbeben, wurde vor achthundert und zuletzt dreihundert Jahren wiederaufgebaut, etwas kleiner als ursprünglich, aber immer noch sehr gross. In seinem Inneren befindet sich die weltgrösste Buddhastatue – ob die grösste in einem Innenraum oder die grösste aus Bronze, habe ich nicht genau mitbekommen. Auch die Umgebung ist sehr schön – und es gibt natürlich auch sehr viel Touristen, die Mehrheit Einheimische.

Der Kasuga Taisha Schrein stammt aus dem Jahr 768, wurde seitdem mehr als fünfzig mal neu aufgebaut; das soll der Tradition des Shintoismus entsprechen. Buddhismus und Shintoismus sind die zwei wichtigsten Religionen in Japan. Buddhistishe Kultstätten sind Tempel, shintoistische Schreine. Der Schrein selber ist heute für Besucher gesperrt, es findet eine private Veranstaltung statt. Sie erhalten keine staatliche Unterstützung, sind auf Spenden angewiesen – und wenn einer der wichtigen Spender irgend ein Familienfest veranstalten will... Wir dürfen aber die ersten paar hundert von insgesamt 2000 steinernen Laternen bewundern, links und rechts eines ansteigenden Pfades im Wald. Was die religiöse Bedeutung diese Laternen ist, wissen wir nicht – aber eigentlich weiss ich auch nicht, was die Bedeutung der Kerzen in katholischen Kirchen ist. Wir erfahren nur, dass die Laternen zweimal pro Jahr angezündet werden: am Neujahr und an irgend einem Fest in August. Und auch da gibt es unzählige, zahme, kleine Hirsche.

Inzwischen ist Mittagszeit, ein Western and Japanese style lunch steht auf dem Plan. Ich erwarte eine touristische Massenfütterung – und werde auf das Angenehmste überrascht: Wir (d.h. zwei Busladungen voll Cunard-Reisende) werden in einen sehr schönen, grossen Speisesaal eines Hotels gebeten. Grosse, runde Tische sind aufs vornehmste gedeckt, weisse Tischtücher, Stoffservietten, viel glänzendes Besteck (keine Stäbchen). Zuerst eine kleine, japanische Meerfrüchte-Vorspeise, alles topfrisch, Topqualität, wunderschön angerichtet. Danach ein Consomme, auch vom besten. Hauptgang zwar kein Koberind, nur kobechicken (sagt scherzhaft unsere Führerin) und als Dessert Grünertee-Eis mit etwas dazu. Der Kaffee danach wird zwar in Espressotässchen serviert, ist aber leider von eher nord- als südeuropäischem Stil, ist aber das einzige, wovon ich nicht begeistert bin.


ZWÖLF

Weiter geht es zum Goldenen Pavillon, ein dreistöckiges Bauwerk am Ufer eines Teiches, in dem es sich spiegelt. Es ist tatsächlich mit echtem, reinem Gold beschichtet. Wenn man für Jahrtausende baut, könnte es sogar rentabel sein – alles andere müsste ja von Zeit zu Zeit neu gestrichen werden. Auch da gehört die Umgebung mit zur Attraktion. Es sieht alles wie natürlich entstanden und gewachsen aus – ist aber sorgfältigst gestaltet. Der Waldboden ist bemoost. Therese beobachtet einen Gärtner, der mit einem Messerchen einen Grashalm mit chirurgischer Präzision herausoperiert.

Unsere letzte Station ist – wer hätt’s gedacht – eine Tempelanlage namens Kiyomizu Dera. Sie ist auf einer Anhöhe, wo der Bus nicht hochfahren kann, wir erklimmen sie zu Fuss, durch eine Einkaufsmeile. Es ist die Zeit der Schulreisen, sagt unsere Führerin und wir treffen tatsächlich zahlreiche Schulklassen, die meisten Mädchen und einige der Burschen in traditioneller japanischer Kleidung. Von oben gibt es eine schöne Aussicht auf Kyoto, weather permitting. Das Wetter gestattet es gnädig: am Morgen war es ganz bedeckt mit einigen Regentropfen, jetzt ist es aber zwar dunstig, aber sonnig.

Wieder abwärts Richtung Busparkplatz bewundern wir einen Laden mit traditioneller Keramik. Wir kaufen allerdings weder eine der wunderschönen Vasen für einige tausend, nicht mal eine Schale für einige hundert (bereits umgerechnet, die Yenpreise sind fünf- bis siebenstellig), nur ein paar Postkarten.

Da die Führerin es etwa fünfzehn mal gesagt hat, dass wir bitte unbedingt bis 17:30 Uhr im Bus sein müssen, das Schiff wartet nämlich nicht und deshalb kann der Bus auch nicht warten, schaffen es alle. Kurz vor 19 Uhr fallen wir müde aufs Bett, um uns vor dem Nachtessen etwas zu erholen.

Dienstag ist Seetag. Ich mache nach meinem Morgentee fünf Walking-Runden; es ist nur 12 Grad aber trocken und schwachwindig. Das Schiff ist nun voll Japaner. Sie scheinen es systematisch zu erkunden, sind aber nicht lästig. Ich lese viel, muss wieder ein neues Buch holen. Therese geht um zwei in ein klassisches Konzert: eine japanische Pianistin spielt. Ich habe etwas verpasst, sagt sie, die ist sehr gut; hoffen wir, dass sie noch mehr spielen wird.

Mittwoch, 15. März, Kagoshima
Von dieser Stadt habe ich, wie wohl die meisten Europäer, noch nie gehört. Vamos a ver, schauemermal.

Das Chiran Peace Museum hat auf den ersten Blick nichts mit Frieden zu tun, eher genau mit dem Gegenteil – aber gerade deshalb ist seine Botschaft: nie wieder Krieg! Leider hat sich dies noch (noch?) nicht bei der ganzen Menschheit herumgesprochen. Es geht um die verzweifelte Taktik gegen Ende des Zweiten Weltkrieges namens Tokko, in der übrigen Welt besser bekannt unter dem Namen Kamikaze. Jagdflugzeuge wurden mit schweren Bomben bestückt und stürzten sich auf amerikanische Kriegsschiffe. Es sind Wände voll Porträts diesen jungen Männern ausgestellt, nebst Abschiedsbriefe, meist an die Mutter, und persönliche Gegenstände. Für mich viel interessanter sind die paar ausgestellten Flugzeuge, unter anderem die berühmt-berüchtigte Zero. Sie war, was Wendigkeit und einige Leistungswerte anbelangt, den Amerikanern weit überlegen, weil die Japaner alles auf konsequenten Leichtbau gesetzt, zum Beispiel auf jegliche Panzerung verzichtet hatten.

Hier in Chiran, nahe Kagoshima, gab es eine Flugschule der japanischen Luftwaffe, die gegen Kriegsende in das wichtigste Stützpunkt für die Kamikaze ausgebaut wurde. Sie haben versucht, die Invasion von Okinawa zu verhindern, der einzigen Insel im Japanischen Mutterland, welche die Amerikaner erobert hatten – wie wir wissen, erfolglos. Dort allein starben 100.000 Japaner – zahlenmässig spielen also diese ein-zweitausend junge Männer kaum eine Rolle, aber dennoch...

Und bitte kein Vergleich mit heutigen Selbstmordattentätern! Sie wurden ausschliesslich gegen angreifende, feindliche Kriegsschiffe eingesetzt.

Die nächste Station ist friedlicher: wir besuchen eine ehemalige Samurai-Siedlung, das heisst eigentlich nur ihre schönen Gärten, die Häuser sehen wir nur von aussen. Therese hat gehofft, etwas mehr vom damaligen Leben zu erfahren: Wie haben sie ihr Essen zubereitet? Wie sind sie zu Wasser gekommen? Es ist bekannt, dass sie schon eine hochentwickelte Badekultur hatten, grossen Wert auf Körperhygiene gelegt haben, zu einer Zeit, wo baden in Europa noch als lebensgefährliche Todsünde galt. Die zahlreichen heissen Quellen wurden als beliebte, öffentlich Bäder benutzt – aber die gibt es nicht überall. Wie haben sie es anderswo gemacht? Davon sehen wir nichts – aber die Gärten sind natürlich, wie überall in Japan, sehr schön. Wir sehen sogar erste blühende Kirschbäume!

Ein grösserer Garten, eher Park, ist die dritte Sehenswürdigkeit dieses Tages, mit verschiedenen historischen Bauten: Sengan-en Gardens, Shoko Shuseikan Museum, World Cultural Heritage Site heisst es japanisch.

Dazwischen einmal mehr ein ausgezeichnetes, sehr gepflegtes Mittagessen.

Weil wir nun Japan kurz verlassen, müssen wir persönlich zur Ausreisekontrolle antreten. Es geht sehr schnell und effizient – wenn man hingeht. Was aber offenbar nicht alle kapiert haben, obwohl es immer wieder sowohl schriftlich als auch mündlich mitgeteilt wurde. Es gibt immer wieder japanische Lautsprecherdurchsagen, am Schluss wird noch mehrmals ein Deutscher gesucht. Dreitausend Personen warten auf einen einzigen Deppen!

Am nächsten Morgen kommen wir somit viel später als geplant in Busan an. Dazu kommt, dass „aus technischen Gründen“ statt den vorgesehenen zwei nur ein Gangway benutzt werden kann. Eine stundenlange Warterei beginnt. Der koreanischen Grenzkontrolle können wir keinen Vorwurf machen: ein kurzer Blick auf die Pässe reicht, wir bekommen eine gelbe Landing Card – die Pässe werden für weitere Bearbeitung einbehalten, wir können aber gehen. Bald finden wir unseren Bus.

Der Führer erklärt, dass wegen der Verspätung die Tour geändert werden musste, wir fahren zuerst zum lunch. Sehr schönes Hotel, wir schon in Japan. Das Essen ist aber nach Buffet-System, was wir weniger mögen. Therese ist trotzdem sehr zufrieden, ich weniger – immerhin bekomme ich endlich meinen geliebten Kimchi, was ich vor 37 Jahren kennengelernt habe, aber in Europa fast nirgends zu finden ist – die meisten Nichtkoreaner mögen es gar nicht.

Nächste Station ist der Fischmarkt. Der ist sehr interessant. Manche Fische und einiges anderes Meeresgetier werden lebend angeboten. „Die können sich aber kaum bewegen in den Behältern“, sagt Therese. „Die sind ja auch nicht zum Vergnügen da“, antworte ich, „sondern zum gefressen werden.“ An einem Stand gibt es sogar die hochgiftigen Fugu; ich wusste nicht, dass sie auch in Korea gegessen werden, vielleicht ist es neu hier. Sie dürfen nur von Leuten mit einem besonderen Lizenz verarbeitet werden, trotzdem gibt es jedes Jahr ein paar Tote. Sie schmecken aber wirklich ganz toll, sagt er – wir wollen uns nicht selber davon überzeugen.

Was anschliessend kam, lief unter dem Titel traditioneller Markt, erwies sich aber als Ramsch-Einkaufsmeile – wir hätten gut und gerne darauf verzichten können. Bei der Ansteuerung auf Busan sah die Skyline vielversprechend aus, mir kamen sogar Hafenstädte wie New York, Rio, San Francisco, Sydney in den Sinn – na ja, nicht ganz die Klasse, aber... Aus der Nähe enttäuscht die Stadt allerdings in mehrfacher Hinsicht. Erstens mal fehlen die in allen schönen Städten selbstverständlichen Grünflächen. Die meisten Wolkenkratzer und Hochhäuser sind Wohnsilos; vergleichbare nennt man in der Schweiz Chüngelistall (Kaninchenstall). Unser Führer ist der erste im asiatischen Raum, der erwähnt, dass es vielleicht langsam zu viele Menschen gibt – die Überzeugung haben wir schon lange und hier ist es mehr als klar. 1980, als ich das erste und bis gestern letzte mal in Korea war, gab es 35 Millionen Einwohner; heute sind es, sagt der Führer, 50 Millionen. Ich habe den Eindruck, dass 80% dieser Stadt nach meinem Aufenthalt in diesem Land entstanden ist – sie ist nicht gewachsen, sondern hat gewuchert. Und am Fusse der Wolkenkratzer entweder nichts, oder ebenfalls wuchernde Kommerz.

Wir besuchen ein neueres, rundes Gebäude. Die Lage ist schön, auf einer Klippe direkt am Meer. Aber sonst? Das Gebäude wurde errichtet als Tagungsort – oder sogar für die Gründung? – von APEC, einer asiatischen Freihandelszone, der Konferenzsaal mit dem grossen, runden Tisch ist die Hauptattraktion. Wir verstehen weder, weshalb man für eine Konferenz extra ein neues Gebäude hinstellen musste, noch, was daran für Menschen wie uns sehenswert sein soll.

Die letzte Station versöhnt uns aber dann doch mit dieser Stadt, diesem Ausflug. Es ist eine buddhistische Tempelanlage direkt an einer felsigen Meeresküste. Das ist eine grosse Ausnahme, alle anderen Tempel und Kloster befinden sich irgendwo in den Bergen. Ich habe seinerzeit einige besucht und war sehr beeindruckt – but that’s another story. Gratis ist diese hier nicht zu haben: vom Parkplatz sind es 110 Treppenstufen runter – und natürlich wieder hoch –, stand in der Beschreibung; der Führer sagt, es seien 108, weil... die Begründung habe ich nicht verstanden. Alles freche Lügen: ich zähle 125. Wir sind beide froh, sie in unserem Alter geschafft zu haben.

Der angedrohte heavy traffic jam (Stau) auf dem Rückweg bleibt aus, so bleiben uns fast anderthalb Stunden, um uns vor dem Nachtessen etwas zu erholen – wir haben jede Minute davon nötig.


DREIZEHN

Japan zum zweiten, 17-20. März

Erst mal ein Seetag zur Erholung. Am Morgen Hafenpräsentation Shanghai im Theater. Um 14 Uhr klassisches Konzert: die mehrfach ausgezeichnete japanische Pianistin Maiko Mori, die Therese schon einmal gehört hat. Sie spielt einige Werke von Mozart und Chopin, danach eine Konzertversion eines bekannten japanischen Liedes – angenehme Melodie – und am Schluss eine eigene Komposition: Suite „New York Story“. Wirklich sehr schön!

Hiroshima, 18. März
Den Zweiten Weltkrieg in Europa habe ich als Kind selber erlebt – Ungarn war ja selbst Kriegsschauplatz – die Folgen dieses Krieges haben unser aller Leben nachhaltig geprägt. Den pazifischen Teil, weltgeschichtlich genau so wichtig, kenne ich hingegen nur aus Büchern und Filmen. Nun habe ich aber Gelegenheit, etwas davon quasi auf dem Boden der Tatsachen zu besuchen. Wo es angefangen hat – Pearl Harbour, Hawaii – habe ich inzwischen gesehen. Heute besuche ich den Ort des bitteren Endes.

Es hätte andere Alternativen gegeben, um den Krieg gegen Japan zu beenden. Die USA haben sich für die Atombombe entschieden. Man muss die Gründe nicht unbedingt billigen, kann sie aber verstehen. Hiroshima wurde aus verschiedenen Gründen gewählt: sie hatte die „richtige“ Grösse, es gab kein Kriegsgefangenenlager in der Nähe und sie wurde bis dahin noch nie konventionell bombardiert, man konnte also die Wirkung der Atombombe mit wissenschaftlicher Genauigkeit studieren.

Wie man weiss, übertraf die Wirkung alles bisher vorstellbare: die Stadt wurde buchstäblich ausgelöscht. Bis Ende 1945 gab es 140.000 Todesopfer. Die ersten wurden nicht pulverisiert, sie sind spurlos verdampft. Eigenartigerweise blieb ein Gebäude nahe des Zentrums als ausgebrannte Ruine stehen; es ist heute als Denkmal Unesco-Weltkulturerbe. Dass sie stehengeblieben ist, ist nicht trotz sondern wegen ihrer Nähe zum Zentrum: die Bombe explodierte darüber in 600 Meter Höhe, die Druckwelle traf sie also von oben, dagegen sind Bauten viel widerstandsfähiger; kommt der Druck seitlich, fliegen die Mauern um.

Wir besichtigen sie als erstes, gehen zu Fuss an zwei weiteren, später errichteten Denkmälern vorbei zum Museum. Von dem ist nur die eine Hälfte offen, das andere Gebäude wird noch bis 2018 renoviert. Es gibt viele Fotos, einige Texte, mehr oder weniger noch erkennbare gefundene Gegenstände: zerfetzte Kleidungstücke, untrennbar zusammengeschmolzene kleine Flaschen, kaum identifizierbare Metallklumpen. Die Temperatur nahe des Zentrums betrug 4000 Grad Celsius, da schmelzen alle Metalle, einige verdampfen sogar.

Die Bombe enthielt rund 50 kg spaltbaren Uran 235. Davon sind aber nur 5 kg explodiert. Sobald die Kettenreaktion einsetzt, fängt die Bombe an auseinanderzufliegen und die Kettenreaktion hört wieder auf. Eine der grössten Schwierigkeiten beim Bau einer Atombombe ist zu erreichen, dass das spaltbare Material (Uran 235 oder Plutonium) lange genug zusammenbleibt. Die Wirkung dieser 5 kg entsprach aber auch 16 Kilotonnen, d.h. 16.000 Tonnen TNT, eines der wirksamsten Sprengstoffe. Die Sprengkraft heutiger Wasserstoffbomben wird aber nicht in Kilo-, sondern in Megatonnen gemessen – ein Mega ist tausend Kilo! Was ist von einem Wesen zu halten, das überhaupt in Erwägung zieht, so etwas je zu bauen?

Die erste Hälfte des heutigen Landganges war viel schöner und friedlicher: wir besuchten einen grossen Garten, mit Teich, k&uu



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